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Wie diese Seite funktioniert

„Ökonomische Verhältnisse bestimmen unser Leben und unseren Alltag“ haben wir 2007 in einer Seminareinladung behauptet und das ist auch kaum zu übersehen. Wir leben im Kapitalismus, müssen daher unsere Arbeitskraft verkaufen und uns der Logik der Profitmaximierung unterwerfen1). Wir gehen davon aus, dass uns die Verhältnisse nicht so weit festlegen, dass wir nicht alltäglich versuchen würden, ihnen hier und da doch ein Stück gutes Leben abzutrotzen. Gleichwohl ist es schwierig, die politische Ökonomie aus der Binnensicht heraus zu erklären: Durch die „Brille“ der kapitalistischen Weltsicht scheint es, als ob Dinge tatsächlich einen ihnen innewohnenden Wert hätten, als ob der Tausch der natürliche Umgang zwischen Menschen und als ob der Kampf Aller gegen Alle ein zoologisches Problem sei.

Der Übernahme dieser immanenten Logik für die Erklärung der Verhältnisse können wir uns nicht anschließen. Wir haben eine andere Perspektive: Die Verhältnisse sind menschengemacht und historisch entstanden, daher können sie auch von Menschen verändert werden. Dafür hilfreich ist ein kritischer Blick auf die Verhältnisse - und den wollen wir schärfen. Diese Webseite und die Broschüre „Kleine Sehhilfe zur Politischen Ökonomie“ soll zum Klarer-Sehen beitragen.

Die traditionellen Waffen linker Kapitalismuskritik sind die Textlektüre, die Veranstaltung und der Lesekreis. Wir halten die theoretische Auseinandersetzung mit Primärtexten für durchaus wichtig. Leider aber funktionieren Veranstaltungen und Lesekreise oft ausschließend und elitär. Dicke Stapel von kapitalismuskritischer Literatur, strikte Hierarchien und scharfe Streitereien über die Deutungshoheit wirken nicht eben einladend dafür, sich mit Ökonomie auseinander zu setzen.

Zusammen den Blick schärfen!

Als BildnerInnen und AktivistInnen aus verschiedenen Kontexten meinen wir, dass man sich das Thema nicht nur mit den dicken Klassikern alleine erarbeiten kann, sondern dass auch ein kollektiver und methodischer Ansatz dazu gehört. Am Anfang haben wir selbst gearbeitet wie ein Lesekreis. Aber unser Ansatz war weniger „Was hat Marx wirklich gemeint?“ als „Zusammen sind wir stark und lassen uns von den dicken Wälzern nicht in Angst und Schrecken versetzen!“. Mit diesem Geist haben wir uns in einem Selbstbildungsprozess verschiedene Ansätze der Kritik der politischen Ökonomie angeschaut und dazu Materialien für die Bildungsarbeit und die Diskussion in Gruppen erstellt, die wir nun zur Verfügung stellen wollen.

Mehr Brillen! Mehr Licht!

Die Frage, welcher Ansatz das ultimative Elektronen-Rastermikroskop zur Entschlüsselung der gesellschaftlichen Verhältnisse darstellt (oder ob vielleicht ein Weitwinkel-Objektiv angemessener wäre), können und wollen wir nicht abschließend beantworten. Gerade die Auseinandersetzung darüber, welche Theorie konkrete Problemkonstellationen am besten erklärt, sehen wir als didaktischen Vorteil für das Erschließen der Welt - wie in der Aktivität Streik-Maik, wo Operaist_innen, Gewerkschaft, Wertkritiker_innen und die Beschäftigten eines besetzten Betriebes darum streiten, was zu tun ist. Generell denken wir, dass der realen Komplexität der Verhältnisse als Ganzes keine Theorie im Ganzen gerecht wird - alle haben Vor- und Nachteile, erhellen bestimmte Bereiche sehr gut, während sie andere im Dunkeln lassen. Unser Ansatz ist daher theoretisch und methodisch pluralistisch.

Über die Verengung der Sicht und die Kämpfe um die Deutungshoheit über die Verhältnisse

Die Kritik an den herrschenden Verhältnissen ist keine neue Erfindung. Der Vielzahl der Kritiken liegt eine Vielzahl der Ausgangs- und Standpunkte zugrunde. So ist es nur folgerichtig, dass in der Regel Gewerkschaften daran interessiert sind, implizit die Sichtweise der Regulationstheorie mit ihrem Focus auf gesellschaftliche Regelungsmechanismen stark zu machen und dass linksradikale Basisgrüppchen oder Autonome sich - mehr oder minder bewusst - eher am Operaismus orientieren, der das theoretische Augenmerk auf die sozialen Kämpfe lenkt.

Viel wirkmächtiger als die internen Auseinandersetzungen zwischen Kapitalismuskritiker_innen ist die Sichtweise derjenigen Akteure, die uns einen affirmativen Blick auf die Verhältnisse nahe bringen wollen. An die Kapitalismus-Kampagnen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft oder die Kino-Werbung zur allgemeinen Durchsetzung des neuen Urheberrechts („Raubkopierer sind Verbrecher“) haben wir uns gewöhnt. Dass der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) einen Schüler-Ideenwettbewerb zur Stärkung des geistigen Eigentums veranstaltet und Materialien für den Sozialkundeunterricht zur Verfügung stellt, die von LehrerInnen dankbar angenommen werden zeigt, dass der Kampf um die Deutungshoheit, ob man sich in den Verhältnissen alternativlos möglichst optimal einrichten soll oder sie verändern will, nicht nur im Alltag, sondern auch in der Bildungsarbeit geführt wird.

Wir wollen die Verhältnisse verändern und denken, dafür reicht es nicht zu betonen, dass sie ungerecht und schlimm sind (Die Welt als Dorf mit 100 Menschen). Wir finden es gut, die eigene Verstrickung und das eigene Leid darin zum Thema zu machen („Über Ökonomie reden“) und über Handlungsoptionen zu sprechen (Handlungsorientierung). Eigentlich ist es unmöglich, dabei nicht die (falsche?) Totalität der Verhältnisse in den Blick zu nehmen. Wir möchten dazu ermutigen, sich davon nicht abschrecken zu lassen.

Die „Sehhilfe“ als erweiterter Seminarreader

Zunächst ist dies das Wiki die Online-Veröffentlichung des Readers zu einem Seminar, dass wir 2007 im thüringischen Hütten durchgeführt haben. Es ist auch mehr, weil wir die verwendeten Aktivitäten überarbeitet und weiteres Material aufgenommen haben. Und die Wiki-Form erlaubt es, das Material zu erweitern und zu verbessern. Bei der Materialsammlung haben wir uns auch beim Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit bedient - aus diesem Zusammenhang ist unsere Arbeitgruppe „Politische Ökonomie in der Bildungsarbeit“ vor ein paar Jahren entstanden.

Trotz des Ökonomie-Focus war für uns der Bezug auf andere gesellschaftliche Verhältnisse nicht zuletzt wegen des Baustein-Erbes immer wichtig. Unser Anspruch war deswegen, Verhältnisse wie Rassismus, Sexismus und Antisemitismus in ihrer Verknüpfung als theoretische Frage immer mitzudenken2). Explizit spielen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus im Kapitel Rechte Kapitalismuskritik eine Rolle. Aber auch Soziale Vererbung oder die Frage Wer macht welche Arbeit?, sind nur im Zusammenhang mit Ethnisierung und Rassialisierung, sowie Geschlecht zu verstehen.

Das vorliegende Material ist in Seminarphasen gegliedert.

Zum Einstieg bieten sich Aktivitäten aus dem Kapitel Erfahrungshebung an, um das Phänomen Kapitalismus als Alltags-Problem erfahrbar zu machen.

Verschiedene Analyseschritte sollen dazu beitragen, davon ausgehend zu abstrahieren und allgemeinere und abstraktere Fragen zu diskutieren. Ein bisschen Theorie gehört zu diesem Schritt dazu.

Am Ende steht die Handlungsorientierung.

Als Service-Teil bieten wir im Anhang eine Literaturliste und Hinweise darauf, wo man andere findet, die diskutieren und Aktionen planen. Weiter stellen wir eine wilde und sicherlich an vielen Punkten unglaublich ungenaue und anmaßende Theorietabelle zur Verfügung. Damit wollen wir nicht unsere Belesenheit dokumentieren, sondern die Ehrfurcht vor den dicken Wälzern schmälern und zur Erweiterung des Blickfeldes anregen.

Wenn nicht anders vermerkt, stehen die her veröffentlichten Materialien unter der Creative Commons-Lizenz (CC), die unter http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/ eingesehen werden kann. Kurz gesagt wünschen wir uns damit, dass Andere sich das Material aneignen und es weiterentwickeln, so lange das Ergebnis wieder unter CC steht.

1) Bestes Beispiel ist die Entstehung dieses Materials: Die Arbeitsgruppe „Kritik der politischen Ökonomie in der Bildungsarbeit“ hat 2006 nach Mitteln gesucht, um kontinuierliche Treffen zu finanzieren. Was lag näher, als ein Modellseminar und die Erstellung eines Materials zu beantragen?
2) Grammatisch repräsentiert, indem wir uns um eine geschlechtergerechte Sprache bemühen, die den Genus benennt, wo er relevant ist und ansonsten neutral formuliert, wobei es den Schreibenden überlassen blieb, die konkrete Form dafür zu wählen.