Alles Arbeit? Alles Wert?

Im Alltagsverständnis scheint klar zu sein, was Arbeit ist, wozu sie gut ist und vor allem, dass sie gut ist. Diese Selbstverständlichkeit soll erschüttert werden. Dazu öffnet diese Aktivität anschaulich einen Raum für verschiedene Arbeitsbegriffe. Die Vor- und Nachteile verschiedener Arbeitsbegriffe in praktischer und theoretischer Hinsicht werden diskutierbar.

Der erste Teil (Alles Arbeit) ist alleine genommen oder in einem Seminarkonzept sinnvoll als Einstieg zur Diskussion über ökonomische Begriffe, insbesondere für eine Kritik der Arbeit.

Der zweiten Teil (Alles Wert) ist derzeit im Erprobungsstadium. Benutzung auf eigene Gefahr. Über Rückmeldungen von Leuten, die die Aktivität ausprobiert oder weiterentwickelt haben, würden wir uns freuen. Aus den bisherigen Erfahrungen mit der Aktivität können wir festhalten, daß für diesen Teil ökonomisches Vorwissen erforderlich ist. Evtl. ist „Alles Wert“ eingebunden in ein Seminar sinnvoll, vielleicht muss der zweite Teil aber auch komplett überarbeitet oder verworfen werden.

Rahmen

Bedingungen

  • 8-15 TN

Ablauf

  1. Was ist Arbeit (30 Minuten)
  2. Diskussion (30 Minuten)
  3. Was ist Wert (30 Minuten in Arbeitsgruppen)
  4. Diskussion der Wertbegriffe (30 Minuten)

Material

  • Moderationskärtchen, Stifte, Pinnwand

Aktivitätenbeschreibung

Alles Arbeit? (60 min.)

Die Teilnehmenden bekommen die Aufgabe, je zwei bis drei Tätigkeiten auf Karten aufzuschreiben, die nach ihrer Meinung Arbeit sind. Wichtig ist, von vornherein darauf hinzuweisen, dass es nicht um eine Ebene der Definition geht, sondern konkrete Tätigkeiten aufgeschrieben werden sollen.

Das Team mischt die Karten, liest die Beschriftungen vor und sortiert sie in das vorbereitete Koordinatensystem ein, wobei nach und nach erläutert wird, dass die X-Achse den Bezug auf Geld zeigt (also von „ohne Bezug auf Geld“ über „mittelbar aufs Geldverdienen bezogen“,z.B. schulische Ausbildung, bis zu „zum alleinigen Zwecke der Geldbeschaffung“) und die Y-Achse das Ausmaß von Zwang in der Tätigkeit abbildet.

Die Karten werden nacheinander in das Koordinatensystem eingefügt, wobei immer zuerst Verständnisfragen geklärt werden. Die Entscheidung, an welche Stelle die Karten angepinnt werden, wird gemeinsam getroffen.

Wenn sich die Gruppe über die Einordnung bestimmter Karten nicht einigen kann, ist es angebracht, mehrere spezifischere Karten zu schreiben und z.B. „Kochen im Restaurant“ rechts oben hin zu hängen und „Kochen mit Freunden“ links unten. Wenn es gar keine Einigung gibt, bleibt die Karte außerhalb des Koordinatensystems, evtl. mit zusätzlichen Notizen.

Wenn alle Karten verteilt sind, wird gemeinsam über die Ergebnisse der Aktivität gesprochen und diskutiert.

Mögliche Ergebnisse und Diskussionspunkte sind:

Das Verständnis von Arbeit ist unscharf: Geradezu jede Tätigkeit kann Arbeit genannt werden.

Damit wird die begriffliche Abgrenzung von „Tätigkeit“ außerordentlich schwierig, außerdem ist die Benennung als Arbeit oft nicht wertneutral.

Das Label Arbeit wird normativ und politisch-strategisch genutzt, um Tätigkeiten aufzuwerten.

Von der Frauenbewegung wurde z.B. immer wieder darauf hingewiesen, dass Hausarbeit und Kindererziehung notwendig für den Bestand der Gesellschaft sind und daher als Arbeit betrachtet und auch bezahlt werden sollten. Die Frage ist, was die Umdeutung als Arbeit für den Inhalt der Tätigkeit bedeutet

Es gibt verschiedene Arbeitsbegriffe

Oft besteht ein Dissens darüber, ob denn alle Tätigkeiten auf dem Schaubild auch wirklich Arbeit sind. Daraus folgt, dass es schlicht und einfach mehrere Arbeitsbegriffe gibt. Theoretisch einflussreich sind folgende Begriffe, die sich gut auf dem Koordinatensystem abgrenzen lassen:

  • Der anthropologische (menschenkundliche) Arbeitsbegriff umfasst das ganze Wandbild. In bestimmten Lesarten des Marxismus dominiert ein anthropologischer Arbeitsbegriff, der jeden „Stoffwechselprozess mit der Natur“ (Marx), also jede zielgerichtete menschliche Tätigkeit als Arbeit bezeichnet. Neben der schon angesprochenen Schwierigkeit in der Abgrenzung zur „Tätigkeit“ wirft dieser Begriff das Problem auf, dass er von einem ganz bestimmten Menschenbild ausgeht, in dem der „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ (Engels) sehr groß ist.
  • Der werttheoretische Arbeitsbegriff umfasst vereinfacht gesagt alles, was rechts steht: den Teil der Tätigkeiten, für die man seine Arbeitskraft veräußert. Der Wert der Ware Arbeitskraft bestimmt sich aus der Höhe der Reproduktionskosten1). Reproduktion ist die Tätigkeit, die die Arbeitskraft heranbildet - oft die Tätigkeiten in der Mitte des Schaubildes.
  • Subjektivistischer oder normativer Arbeitsbegriff
    • Ein negativ gefasster subjektivistischer Arbeitsbegriff umfasst den oberen Teil des Koordinatensystems: Die Tätigkeiten, die nicht gerne und nur unter Zwang erledigt werden. Am plakativsten fasst die APPD (Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands) diesen Arbeitsbegriff: „Arbeit ist Scheiße“. Diese Sichtweise hat eine lange Geschichte, was sich am sprachlichen Ursprung vieler Wörter zeigt: Labore (lat.): wanken unter einem schweren Joch. Travail (frz.) oder Trabajo (span.) von Tripalium (lat.): Folter. Arbeit von Arvum (lat.): unter Mühe den Acker pflügen. Rabot (russ.) von Rab: Sklave; Maloche (jidd.). Auch wenn es viele individuelle Gründe gibt, Arbeit abzulehnen, erlaubt eine rein subjektive Begriffsbestimmung kaum eine Gesellschaftskritik.
    • Ein positiver subjektivistischer Arbeitsbegriff bezieht sich eher auf den unteren Teil des Koordinatensystems. In weiten Teilen der Gesellschaft wird Arbeit als sinnfüllendes Zentrum des Lebens verstanden: Die Arbeiterbewegung in den meisten Ausprägungen, Kommunen und Gemeinschaften, der Arbeitgeberverband und die Sozialarbeit werden sich aus unterschiedlichen Gründen darin einig sein, die positiven Aspekte an Arbeit hervorzukehren. In der Arbeiterbewegung ist der Begriff ist vor dem Hintergrund des Widerspruchs zwischen Arbeit und Kapital im Zusammenhang mit „Klasse“ entstanden. Gerade da, wo ein normativer Bezug auf Arbeit vorhanden ist - z.B. in der Sozialarbeit - folgt aus dem positiven Bezug der Ansatz, Menschen zur Arbeit zu erziehen und Faulheit als persönliches Defizit zu sehen.

Diskussionen über Arbeit, die verschiedenen Begriffen folgen, führen zu nichts. Während der Sozialarbeiter seinem Klienten ein „sinnfüllendes Zentrum des Lebens“ vermitteln will, versteht der Punk nur, dass er eine „Zwangsmaßnahme“ aufgedrückt bekommt.

Arbeit hat die Tendenz, alles zu beherrschen. Alle Tätigkeiten drängen danach, Arbeit zu werden. Frage: Was bedeutet das für die Tätigkeiten? Welche aktuellen Beispiele fallen euch dazu ein?

Was ist angesichts dieser Ergebnisse die Perspektive für ein gutes Leben? Alles lassen, wie's ist? Die subjektive Einstellung zur Arbeit ändern, um möglichst viele Tätigkeiten im Schaubild nach unten - in den Bereich mit wenig Zwang - schieben zu können? Oder doch eher die Orientierung ganz nach links, wo ohne Rücksicht auf Profit gehandelt werden kann?

Alles Wert? (60 min.)

Die TN werden in drei Arbeitsgruppen geteilt und erhalten jeweils ein Arbeitspapier, auf dem für jede Gruppe einer der folgenden Wertbegriffe erläutert werden.

  • einen wertkritischen Arbeitsbegriff
  • einen voluntaristischen Wertbegriff („Weil ich's mir wert bin“) in einer Anzeige
  • die Begriffe Tauschwert und Gebrauchswert und ein Statement für Gebrauchswertorientierung

Die Aufgabe an die Arbeitsgruppe ist, die bisherige Diskussion um verschiedene Tätigkeiten anhand der Begrifflichkeiten der Arbeitspapiere zu diskutieren und dabei vor allem die Frage zu beantworten, ob und welche Handlungsoptionen die jeweiligen Begriffe nahe legen. Vermutlich ist es sinnvoll, wenn das Team mit in die Arbeitsgruppen geht und deutlich macht, daß Ziel der Aktivität ist, die verschiedenen Wert-Begriffe zu diskutieren.

Den Abschluss im Plenum bildet ein Fishbowl, bei dem die drei Gruppen jeweils ihre Argumente stark machen.

Danach stellen alle drei Arbeitsgruppen ihren Wertbegriff vor und er wird in der Großgruppe diskutiert.

1) Siehe AP Wertkritik

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