Nichts Neues unter der Sonne?

Kleine Geschichte der Globalisierung

Der Amerikaner, der den Columbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.

Georg Christoph Lichtenberg

Die Globalisierung der Weltwirtschaft wird von vielen Menschen als eine neuartige Entwicklung, ja sogar als eine neue Epoche in der Weltgeschichte wahrgenommen. Auch WissenschaftlerInnen und ExpertInnen betonen oft die Neuartigkeit der zunehmenden globalen Verstrickungen. Für diese Analyse gibt es gute Argumente. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass die Globalisierung nicht geschichtslos ist, sondern auf eine lange Vorgeschichte zurückblicken kann. Geht man in der Betrachtung hinter das in vielerlei Hinsicht prägende 19. Jahrhundert zurück, so lassen sich Verhältnisse finden, die zwar nicht die Gleichen wie die im 21. Jahrhundert, aber dennoch mit ihnen vergleichbar sind. Beschreibt man Globalisierung als einen Prozess, der durch folgende Punkte charakterisiert wird:

  • globaler Austausch von Gütern ohne nennenswerte nationalstaatliche Kontrolle,
  • große Bedeutung einzelner Unternehmen, sog. global player,
  • große Bedeutung internationaler Finanzmärkte;
  • technischer Fortschritt, besonders der Informationstechnologie,
  • Ausbreitung von Wissen und Information,
  • Austausch und Angleichung von Lebensstilen,
  • grenzüberschreitende Ausbreitung ansteckender Krankheiten,
  • Verbreitung einheitlicher Sprachanforderungen,

so zeigt sich, dass viele dieser Punkte auch die Epoche der Frühen Neuzeit (1500 - 1800) kennzeichnen. Ohne eine verkürzte Parallelisierung oder gar Gleichsetzung vornehmen zu wollen,soll im Folgenden kurz auf die einzelnen Aspekte eingegangen werden. Am Anfang des globalen Austausches und der globalen Verstrickung steht die Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus im Jahr 1492 einerseits, die Etablierung eines direkten Asienhandels durch Portugal andererseits. Der Asienhandel Portugals ging nur zum Teil mit Gewalt und brutaler Unterdrückung der einheimischen Bevölkerung einher; er beruhte im Wesentlichen auf der Errichtung von Handelsstützpunkten und dem Tauschhandel, ohne tiefgreifende Veränderung der lokalen Gesellschaften. Dagegen stand die Eroberung Südamerikas durch Spanier und Portugiesen von Anfang an im Zeichen der erzwungenen Christianisierung, Unterdrückung und ökonomischen Ausbeutung. Auch Afrika war davon betroffen, da in den folgenden Jahrhunderten von hier im großen Stil Menschen zwangsverfrachtet und als Sklaven eingesetzt wurden. Diese „Entdeckungen“ markieren den Anfang von Veränderungen im globalen Maßstab, die teilweise ihren Abschluss erst im 18. Jahrhundert fanden.

Stichwort „Güteraustausch“

Nach der „Entdeckung“ Amerikas begann ein internationaler Warenaustausch, der von Asien über Europa nach Amerika reichte. Zu nennen wären hier nicht nur ein weitverzweigter Austausch an Nutzpflanzen und Nahrungsmitteln, die grundlegenden Einfluss auf die Lebenssituationen der Menschen hatten, sondern auch Gebrauchsgüter wie Stoffe oder Porzellan sowie der Techniktransfer.

Stichwort „global player“

Viele Entwicklungen der Frühen Neuzeit waren von großen Unternehmungen getragen, die weltweit agierten. Wichtig waren vor allem die privilegierten Handelscompagnien wie die englische „East India Company“ oder die niederländische „Vereinigte Ostindische Compagnie“. Sie trugen den kolonialen Handel mit Asien und Indien. Tausende von Schiffen fuhren zwischen Asien und Europa hin und her, um Waren zu transportieren. War der Handel aus europäischer Sicht um1600 vor allem von der Einfuhr von Gewürzen geprägt, waren es um 1700 Textilien und Seide, während im 18. Jahrhundert die Teeeinfuhr an Bedeutung gewann. Auch der Handel mit in der Karibik angebautem Zucker sowie der Transport von Sklaven aus Afrika nach Amerika, der im 18. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte, wurde von großen Unternehmungen getragen. Auch die katholische Kirche kann mit ihrem weitverzweigten Netz an Missionen und Handelsbeteiligungen von Amerika bis Asien als ein global player mit harten ökonomischen Interessen gesehen werden.

Stichwort „Finanzmärkte“

Im Verlauf der Frühen Neuzeit bildeten sich in Amsterdam und London wichtige Finanzplätze heraus, die einen großen Anteil an der europäischen Expansion hatten. Die Anteile der großen Compagnien konnten dort wie Aktien verkauft werden. Das wirtschaftliche Wachstum Europas beruhte zudem zu einem nicht unwesentlichen Teil aus der massiven Ausbeutung der südamerikanischen Edelmetallvorräte. So wurden in der Zeit von 1500 bis 1800 schätzungsweise 85000 bis 90000 Tonnen Edelmetalle von Amerika nach Spanien verschifft, rund 80 % der damals weltweiten Produktion. Von dort flossen sie nach ganz Europa und vor allem in die Niederlande. Doch die Geldströme blieben nicht auf Europa beschränkt, sondern griffen von hier nach Asien aus. So entwickelte sich der mexikanische Silberpeso im 17. Jahrhundert in China zu einer Art Leitwährung.

Stichwort „technischer Entwicklungssprung“

Zeitgleich mit der Eroberung Amerikas gab es einen rasanten Entwicklungsschub in den Informationsmedien der frühen Neuzeit. Die um 450 entwickelte Buchdruckerkunst entwickelt sich nach 1500 rasch weiter und europäische Bewegungen wie die Reformation und der Bauernkrieg sind die ersten von Massenmedien begleiteten Entwicklungen. Die Verbreitung reformatorischer Gedanken ist zu einem nicht unerheblichen Teil durch eine „Revolution in der Informationstechnologie“ ermöglicht worden. Die Bedeutung von Computer und Internet wird häufig mit der Einführung der Druckkunst verglichen.


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