Operaismus

wörtlich: Arbeiterwissenschaft - operaismo von italienisch operaio bzw. operaia für Arbeiter bzw. Arbeiterinwörtlich: Arbeiterwissenschaft - operaismo von italienisch operaio bzw. operaia für Arbeiter bzw. Arbeiterin

Linksradikale politische Praxis und Theorie, entstanden ab ca. 1960 in Italien in Abgrenzung zur institutionalisierten (und sozialdemokratischen, am Wiederaufbau orientierten) Politik der Kommunistischen Partei. Die Probleme der Arbeiterklasse sollten wieder in den Mittelpunkt revolutionärer Politik gerückt werden. Praktischer Ausgangspunkt waren die sogenannten (militanten - also kämpferischen) Arbeiteruntersuchungen.
Die Entstehungsgeschichte des O. ist eng mit der politischen und ökonomischen Entwicklung in Italien verknüpft: in den 1950er Jahren gab es einen enormen Industrialisierungsschub. ArbeiterInnen aus dem armen Süden migrierten in den Norden, wo riesige Industriezentren entstanden und eine große Zahl ungelernter FabrikarbeiterInnen die Gewerkschaften und die kommunistische Partei vor neue Fragen stellte.
Der Operaismus ist weniger eine geschlossene Theorie, als Ausdruck einer Strömung und eines Prozesses.
VertreterInnen
Wildcat, Teile der Autonomen, Freie ArbeiterInnen-Union
Theoretischer Kontext
Abgrenzung zum sozialdemokratischen Klassenkompromiss der 1960er-Jahre, Konzentration auf die Kämpfe in der Fabrik
Zentrale Probleme
Militante Untersuchungen sollen Klassenzusammensetzung entschlüsseln und Kämpfe zusammenführung und unterstützen
Ausgangspunkte
Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (MEW 42)
„Praxis“
Operaismus ist Praxis

Theorie

Der Operaismus, oder vielmehr die OperaistInnen, beziehen sich auf die Schriften von Marx, insbesondere auf das Kapital und die Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. Sie betonen dabei vor allem den Aspekt des Klassenkampfes bei der Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse.

Mit dem Begriff der Arbeiterautonomie vertritt der Operaismus die Unabhängigkeit der ArbeiterInnen gegenüber der Bevormundung durch die etablierten Gewerkschaften und die Politik der (Kommunistischen) Partei.

Entgegen einer ökonomistischen Interpretation von Marx sind es für die OperaistInnen die konkreten Kämpfe der ArbeiterInnen, die zu einer Entwicklung bzw. Veränderung des Kapitalismus beitragen: So interessierten sie sich für die Zurichtung und Disziplinierung der ArbeiterInnen im industriellen Produktionsprozess und kritisierten technologische Rationalität als Form kapitalistischer Herrschaft Von da ist es bis zur Ablehnung des sowjetischen Entwicklungsmodells als staatskapitalistisch nur noch ein kleiner Schritt.

Anders als in manchen anderen marxistischen Sichtweisen ist die Entwicklung des Kapitalismus kein notwendiger historischer Prozess. Die kapitalistische und gesellschaftliche Entwicklung entsteht vielmehr aus dem Antagonismus von Kapital und Arbeit. Dabei werden die „gewohnten“ Kräfteverhältnisse schon mal kräftig durcheinander gewirbelt: Zwar bedarf es einer konkreten Zurichtung und Disziplinierung der ArbeiterInnen an die jeweiligen Bedürfnisse des Kapitals.

Aber hier können auch die Kämpfe zur Veränderung ansetzen: Mit Streiks, Sabotage, Krankfeiern, Arbeitsverweigerung und ähnlichen Aktionsformen können die ArbeiterInnen sich gegen diese Disziplinierungen wehren und ihre „lebendige Arbeit“ auch gegen das System einsetzen.

Schließlich gipfelt das besondere Verständnis vom Verhältnis von Kapital und Arbeit in der These: Nicht das Kapital bestimmt die Produktionsverhältnisse und damit die Zusammensetzung der Arbeiterklasse, sondern umgekehrt. Das Kapital muss auf die Zusammensetzung und Entwicklung der Arbeiterklasse reagieren. Operaistische Theorie ermöglicht so eine Sicht, in der sich die ArbeiterInnen nicht in der Defensive befinden und auf Entwicklungen reagieren, sondern die KapitalistInnen bzw. das Kapital offensiv heraus fordern.

Klassenzusammensetzung

Ein Schlüsselwort operaistischer Theorie ist die Klassenzusammensetzung: Gegenüber der formalen Vorstellung einer (mehr oder weniger homogenen) Arbeiterklasse im traditionellen Marxismus, die aufgrund der Produktionsverhältnisse „objektiv“ zur Arbeiterklasse gehört, interessieren sich die Operaisten für die reale Klassenzusammensetzung, für ihre realen Verhaltensweisen und für die Frage, wie aus der Klasse ein revolutionäres Subjekt entsteht und auf welchen Feldern die Kämpfe stattfinden.

(Militante) Arbeiteruntersuchungen

Eine wichtige Aktionsform der Operaisten und Ausgangspunkt der Theoriebildung waren die sogenannten Arbeiteruntersuchungen. Heute könnte man sie als eine Art von kämpferischer Aktionsforschung verstehen, innerhalb derer sich die ArbeiterInnen selbst über ihre Situation bewusst werden (sollten) um daraus Aufschluss über die Klassenzusammensetzung zu gewinnen und eine politische Praxis abzuleiten. Zu diesen Untersuchungen gehörte nicht nur innerbetriebliche Fragen wie z.B. ihre Arbeitserfahrungen oder ihre Sicht auf Machtverhältnisse in der Fabrik, sondern auch Herkunft, Wohnsituation oder Freizeitbeschäftigungen. Einige wenige Untersuchungen zielten auf die Situation in den Familien und thematisierten die Hausarbeit als gesellschaftliche Arbeit.

Sozialer Wandel

Sozialer Wandel ist die Folge der Macht der ArbeiterInnen und ihrer Kämpfe. Es gibt keine Zwangsläufigkeit einer bestimmten Richtung gesellschaftlicher Entwicklung. Allerdings ist das Kapital genötigt, auf die spezifische Klassenzusammensetzung zu reagieren.

Der Operaismus sieht vor allem die FabrikarbeiterInnen als Motor der Geschichte. Denn (nur) in der Fabrik wird unmittelbar der Mehrwert produziert. Veränderung resultiert nicht aus gesellschaftlichen Diskursen. Das revolutionäre Subjekt bleibt der/die ArbeiterIn.

AktivistInnen des Operaismus

In der BRD nimmt aktuell der Zusammenhang um die Zeitschrift Wildcat Bezug auf jene Ausprägung des Operaismus, wie er in den 60er Jahren entwickelt wurde.


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