Regulationstheorie

Die Regulationstheorie ist eine an die marxsche Ökonomiekritik anschließende Theorie, die vor allem an den Schwächen der Gesellschaftstheorie (nicht der ökonomischen Theorie) des klassischen Marxismus ansetzt. Kritisiert wird, dass sich die klassische Marxrezeption durch einen starken Ökonomismus auszeichnet. Z.B. werde sozialer Wandel fast ausschließlich durch die Entwicklung der Produktivkräfte erklärt. Theoretiker wie Antonio Gramsci und Louis Althusser dagegen haben seit den 1930er Jahren die Frage nach gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen in den Mittelpunkt gerückt. Sie begreifen Ökonomie zwar als wichtiges strukturierendes Element, die konkrete Ausgestaltung der Gesellschaft hängt ihrer Ansicht nach aber von mehr als diesem einen Faktor ab.
Ausgehend von diesen Überlegungen fragt die Regulationstheorie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts danach, wie die kapitalistische Gesellschaft so reproduziert wird, dass sie stabil bleibt, obwohl doch der Kapitalismus selbst immer zu Krisen neigt. Wie hängen die jeweils vorherrschenden Formen der materiellen Produktion, der staatlichen Herrschaft und die gesellschaftlich vorherrschenden Denkformen zusammen?

Zentrale Begriffe sind dabei Akkumulationsregime und Regulationsweise.
VertreterInnen
Vor allem akademisch präsent: Joachim Hirsch, Alain Lipietz und Michel Aglietta
Theoretischer Kontext
Akademische Linke fragen sich: Wie lässt sich das Ausbleiben der Revolution erklären?
Zentrale Probleme
Historische Entwicklung von Akkumulationsregimes (Manchester-Kapitalismus, Fordismus, Postfordismus) und Regulationsweisen (regulierende Anordnung von Staat und anderen Institutionen)
Ausgangspunkte
Westlicher Marxismus von Gramsci, Althusser u.A.
„Praxis“
keine

Akkumulationsregimes

Verschiedene Akkumulationsregime (wie Manchester-Kapitalismus, Fordismus, Postfordismus), regulieren auf je spezifische Weise die Produktion und Verteilung von Gütern. Im Fordismus werden z.B. standardisierte Produkte unter den Bedingungen von Vollbeschäftigung bei hohem Lohnniveau produziert, so dass die Arbeiter_innen viele Produkte kaufen können. Als Reaktion auf die Krise des Fordismus entwickelt sich nach Ansicht mancher Autor_innen der Postfordismus, der über eine Deregulierung (z.B. von staatlichen Absicherungen oder von Handelsbeschränkungen) und Flexibilisierung nach neuen Möglichkeiten der Verwertung sucht. In Übergangsphasen existieren mehrere Akkumulationsregimes nebeneinander, wobei im Moment umstritten ist, ob der Postfordismus im Begriff ist, den Fordismus abzulösen.

Regulationsweise

Die Regulationsweise ist die Art, in der verschiedene stabilisierende Institutionen um den Staat herum angeordnet sind: Der fordistische Wohlfahrtsstaat und die mit ihm verbundene Sozialpartnerschaft bildete z.B. eine Regulationsweise, die in der BRD lange funktioniert hat. Eine Regulationsweise stellt „die Gesamtheit institutioneller Formen, Netze und expliziter oder impliziter Normen (dar), die die Vereinbarkeit von Verhaltensweisen im Rahmen eines Akkumulationsregimes sichern, und zwar sowohl entsprechend dem Zustand der gesellschaftlichen Verhältnisse als auch über konfliktuelle Eigenschaften hinaus.“ (Lipietz). Die Entwicklung von Regulationsweisen wird nach Ansicht der Regulationstheorie von sozialen Kämpfen mitbestimmt. Auch Rassismus und Sexismus sind mit Regulationsweisen verbunden. Im Wohlfahrtsstaat der BRD z.B. war ein Familienernährermodell vorherrschend mit dem eine sexistische Struktur reproduziert wurde. Der Staat wird als ein Kräfteverhältnis gesehen, das immer wieder neu bestimmt werden muss.

Die jeweilige historische Verbindung von Akkumulations- und Regulationsweisen wird auch als hegemoniale Struktur bezeichnet. Das Interesse an Hegemonieverhältnissen, d.h. gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen geht auf Gramsci zurück. Gramsci erklärt, Herrschaft gründe sich nicht allein auf Zwang, sondern auch auf Überzeugung. Diese werde in der Zivilgesellschaft, d.h. auch in Schulen, Kirchen und Medien vermittelt. Die herrschende Gruppe befindet sich in Aushandlung mit den Interessen untergeordneter Gruppen um die gesellschaftliche Hegemonie, verfügt jedoch zumeist weitgehend, d.h. hegemonial darüber.

Sozialer Wandel

Sozialer Wandel entsteht u.a. dadurch, dass das Kapital in Krisen versucht, neue Akkumulationsregimes einzuführen. Diese müssen wiederum gesellschaftlich vermittelt (reguliert) werden. Krisen können somit Ausgangspunkt für eine Entwicklung sein, die letztlich zu einer stabileren Regulationsweise führt. Politische Einflussnahme auf Regulationsweisen kann Akkumulationsregimes im konkreten Fall menschenfreundlicher machen, für das Überwinden des kapitalistischen Rahmens stellt die Regulationstheorie jedoch kein Konzept zur Verfügung.

Politischer Standpunkt

In theoretischen Erörterungen der Regulationstheorie bleiben die politischen Zielsetzungen oft unklar. Zu den politischen Bezugspunkten aktueller Vertreter_innen der Regulationstheorie gehören die Ablehnung des Neoliberalismus und eine Orientierung an Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit. Teile der Gewerkschaften orientieren sich in ihrer politischen Praxis an der Regulationstheorie.

Eine gesellschaftliche Perspektive mit der über den Kapitalismus hinaus gedacht wird, ist in der Regel nicht vorhanden, wohl aber finden sich z.B. bei Joachim Hirsch Analysen der aktuellen hegemonialen Situation und Hinweise auf Möglichkeiten sozialer Bewegungen für eine antihegemoniale Politik.

Vertreter

Bekannte Vertreter der Regulationstheorie sind Joachim Hirsch, Alain Lipietz und Michel Aglietta.


Navigation

Letzte Änderungen

Eigene Werkzeuge