Warum wir keine Gegenüberstellungen von Geldsäcken und Aktien mit „ehrlichen“ Fabriken und Arbeitern mögen

1)Das „internationale Finanzkapital“ ist allmächtig, diktatorisch, geldgierig, freiheitsvernichtend und mörderisch, so zeigen es die Bilder, die davon entworfen werden. Es zeichnet sich aus durch Unfassbarkeit, Globalität, Böswilligkeit, Heimlichkeit und steht im Gegensatz zu Arbeit, „ehrlicher Arbeit“, Konkretheit, Einfachheit und zur Produktion als solcher. So steht dann auf der einen Seite dieser Bilder der Kapitalismus, auf der anderen die Arbeit. Zur Seite der Arbeit werden die abhängig Beschäftigten gezählt und bisweilen auch der (eigene) Kleinunternehmer. Gegenübergestellt werden „müheloses Einkommen“ und Arbeit. Dieser Gegensatz durchzieht die Bilder mit denen versucht wird, Kapitalismus zu erklären. Weil wir uns an sie gewöhnt haben, scheinen sie wahr zu sein.

Kapitalismus ist ein gesellschaftliches Verhältnis, das nicht in Arbeit und Nicht-Arbeit aufgelöst werden kann.

Was man hat, merkt man erst an der Kasse. Und schuld ist dann der Ladenbesitzer oder der internationale Markt, der die Preise in die Höhe schnellen lässt, oder die Banken und das Finanzkapital. Dass die Ungerechtigkeit früher beginnt, bei der Beteiligung an einem ungerechten Weltwirtschaftssystem, beim Zugang zu Einkommen durch Arbeit, bei Arbeits- und Lohnverhältnissen, dass man also immer zu viel unter schlechten Bedingungen arbeitet und zu wenig bekommt und in einer Gesellschaft lebt, in der Beziehungen über Wert vermittelt werden, wird ausgeklammert, wenn auf Banken und den Aktienhandel geschimpft wird. Mit der Kritik an der „Zinswirtschaft“, „Bankenmacht“ und „Spekulation“ bleibt der Bereich der Produktion unhinterfragt. Die kapitalistische Produktionsweise und Gesellschaftsform wird nur als „Verteilungsproblem“wahrgenommen, in dem einige „bösartige Reiche“ den „armen Ausgebeuteten“ ihren gerechten Lohn vorenthalten.

Die Arbeit und die Produkte der Subjekte, mit denen sie in den gesellschaftlichen Produktionskreislauf eingebunden sind, haben einen doppelten und deshalb 'übersinnlichen' Charakter. Das heißt, wir sehen immer nur eine Seite von ihnen. Die Arbeit hat den Doppelcharakter von konkreter und abstrakter Arbeit, und die Ware hat den Doppelcharakter von Gebrauchswert und Wert. Vermittlung geschieht über den Wert, eine abstrakte Dimension der Vermittlung, die die Gesellschaft im Kern zusammenhält. Der Wert findet seinen Ausdruck nicht erst in Geld, sondern ist in der Arbeit und der Ware schon gesetzt, also mitgedacht, sonst könnten sie gesellschaftlich nicht vermittelt werden. Dieses Verhältnis, der Wert, findet seinen Ausdruck im Geld und kann so als Kapital zirkulieren. Der notwendige gesellschaftliche Zusammenhang zwischen der eigenen Arbeit, der Verwertungslogik und dem Geld ist nicht unmittelbar sichtbar; das Alltagsbewusstsein trennt diese Ebenen. Der Wert kann nur noch da wahrgenommen werden, wo er in dingliche Gestalt umgesetzt wird. Ausbeutung und Zwang werden nur dort wahrgenommen, wo sie als „Herrschaft des Geldes“ auftreten. Die geldwerte Gesetztheit der Arbeit als Lohnarbeit und der Produkte als Waren wird nicht als notwendiges und bestimmendes Moment der Gesellschaft erkannt. Deshalb scheint es, als ob das Geldwesen zum gesellschaftlichen (Re-)Produktionszusammenhang von außen hinzukäme. Als ob die Ware das eine wäre und ihr geldwerter Ausdruck das andere; als ob Lohnarbeit das eine wäre und Ausbeutung das andere; als gäbe es die 'ehrliche' Arbeit in der Produktionssphäre und das gute Kleinunternehmertum und als stünde ihnen die Kapitalbewegung als Zins und Börse oder internationales Großunternehmertum gegenüber. Aufgespalten wird so das, was zusammengehört. Wir kritisieren, was unser eigener Selbsterhaltungsprozess hervorbringt und benötigt, ohne darin die Folge des eigenen Handelns zu erkennen oder uns zurechnen zu wollen.

Geld arbeitet nicht, aber ohne Wert keine Lohnarbeit, ohne Arbeit kein Wert, ohne Wert kein Geld und ohne Ware kein Geld

In den Bildern, die Kapital und Arbeit gegenüberstellen, werden die zwei Seiten des Werts getrennt dargestellt. Daraus ergibt sich ein Bild, in dem neben der Arbeit oder ihrer stofflichen Warenform (in der die in ihr steckende Arbeit gerade noch sichtbar ist) das Geld, das im Prinzip ja nur eine Vermittlungsfom des Werts ist, vom Produktionsprozess getrennt wahrgenommen wird. Mehrwertproduktion ist der kapitalistischen Gesellschaft eigen. Problematisiert wird Mehrwert dann, wenn er nicht in den Betrieb reinvestiert wird. Das gilt dann als Egoismus des Unternehmers, d. h. eine ihm eigene böse Eigenschaft, die anderen, z. B. dem „ehrlichen Arbeiter“ fremd sein soll.

Egoismus gibt’s nicht nur bei Unternehmen

Egoismus ist keine Unternehmereigenschaft. Unsere eigene Orientierung auf den eigenen maximalen Nutzen, d. h. unser eigenes Spekulieren begreifen wir nicht als etwas, das jeder und jede - auf Kosten von sich und anderen - im Kapitalismus tun muss, sondern als etwas, das nur von „bösen Spekulanten“ betrieben wird. Dabei ist jede Marktkalkulation eine Spekulation. Ob beim Verkauf der Ware Arbeitskraft oder beim Betreiben einer Ich-AG, z. B. einer „One-(Wo)Man“-Würstchenbude. Bei der Börsenspekulation ist das am offensichtlichsten, weil dort die Verwertung in ihrer abstraktesten Form (Geld wird zu mehr Geld) auftritt, scheinbar ohne jeden materiellen Zusammenhang. Mit der Unterscheidung von Finanzkapital und produktivem Kapital, von Spekulanten und Nichtspekulanten können Schuldige ausgemacht werden und die Wut über die sozialen Folgen des Wirtschaftssystems zu einer Wut auf bestimmte Bösewichte umgewandelt werden. Es gibt gar nichts einzuwenden gegen die Orientierung auf die eigenen Interessen. Das Problem ist nur, dass unter den Bedingungen kapitalistischer Konkurrenz der eigene Nutzen fast immer im Widerspruch zu den Interessen anderer steht. Wer das ändern will, muss dieses Prinzip kritisieren und nicht Personen.

Ein historisches Beispiel von 1938

  • Das kalte Geld steht dem Menschlichen gegenüber und der Natur (in der Form der Landwirtschaft).
  • Der dicke und bewegliche aus dem Bild strebende Kapitalist steht dem im Boden verwurzelten kräftigen gesunden Arbeiter gegenüber.
  • Der Kapitalist steht der Fabrik und der städtischen Gemeinschaft gegenüber.
  • Die Arbeit steht dem Profit gegenüber.
  • Das Konkrete (Arbeit, Arbeiter) steht dem Internationalen und schwer Fassbaren (Aktien) gegenüber.
  • Die Verfügungsgewalt einzelner Kapitalisten steht vielen Unschuldigen gegenüber.
  • Auch viele aktuelle Bilder haben große Ähnlichkeit mit den traditionellen Feindbildern gegenüber Juden.

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