Wertkritik
| Ausgangspunkt der WK ist eine Kritik an Marx' Klassentheorie und an der Geschichtsphilosophie des Marxismus. In den 1970er Jahren bereits arbeitete Moishe Postone - im Anschluss an die Kritische Theorie und werttheoretische Frankfurter Debatten - an einer Kritik marxistischer Ansätze. Er kritisierte, dass diese den Kapitalismus vom Standpunkt der Befreiung der kapitalistischen Arbeit analysierten und ihn wesentlich in den Kategorien von Klassen-, Distributions- und Verteilungsverhältnissen fassten. Er plädierte dagegen für eine andere Marx-Lektüre: eine Kritik von Wert, Ware und von Arbeit als den strukturierenden Momenten kapitalistischer Vergesellschaftung. Er und andere Wker_innen formulieren eine Kritik sowohl am Parteimarxismus, wie auch am Arbeiterbewegungsmarxismus und dem „westlichen Marxismus“, da diese den Waren- und Arbeitsfetisch (s.u.) nicht überwanden. Dabei sehen sie in Abgrenzung zu Marx die Arbeiterklasse als Teil des kapitalistischen Systems und deshalb nicht in der Lage, die ihr zugeschriebene Rolle als 'revolutionäres Subjekt' zu übernehmen. Nicht die Klassenfrage, sondern das In-Wert-Setzungs-Prinzip stehen damit im Zentrum der WK. Die zentrale Frage ist: Wie werden immer mehr Dinge zu Waren und wie geht dies mit einer bewusstlosen Unterwerfung der Menschen unter selbst geschaffene Sachzwänge (das „automatische Subjekt“) einher. | VertreterInnen Moishe Postone, Gruppe Exit, Gruppe Krisis, Redaktion Streifzüge, ISF Freiburg, Holger Schatz Theoretischer Kontext Kritik am Arbeiterbewegungsmarxismus Kritik der Gesellschaft, nicht nur der Verteilungs- und Klassenverhältnisse Zentrale Probleme In-Wert-Setzung, Warenlogik, Fetisch/ Realabstraktion, gesellschaftliche Verhältnisse sehen aus wie Natur, Bewusstlosigkeit, Beziehungsformen Ausgangspunkte Erste 200 Seiten Marx, kategoriale Kritik an Arbeit, Wert, Ware, Fetischkritik, Krisentheorie Praxis Krise erwartbar aber nicht unbedingt „gutes Ende“, Netzwerke bilden |
Zentrale Begriffe
Die Zentralen Begriffe der WK sind den ersten 200 Seiten des Kapitals (Kapital Band 1) entnommen: Dinge mit Wert sind Waren. Bei ihrer Herstellung steht nicht im Mittelpunkt, dass sie gebraucht werden, sondern dass sie Wert haben und es erlauben, Mehrwert (s.u.) zu erwirtschaften.
Wert wird gemessen am Quantum der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit, die in den Dingen steckt. Gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist die Zeit, die durchschnittlich aufgebracht werden muss, um ein Ding zu produzieren.
Kapitalistische Arbeit ist das „Prinzip der sinnentleerten Verwandlung von menschlicher Arbeitskraft in Geld bzw. Wert“. Auch Arbeit ist eine Ware: Der Wert der Ware Arbeitskraft (AK) ist - wie bei jeder anderen Ware auch - das Quantum an gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit, um die AK herzustellen (zu reproduzieren): Dazu gehören natürlich die lebenswichtigen Dinge (Essen, Wohnen, Kleidung) aber auch alles, was die AK in die Lage versetzt, zu arbeiten: Ausbildung, Kindererziehung, Urlaub, Freizeit und alles, was als gesellschaftlich notwendig für die Reproduktion der spezifischen AK angesehen wird.
Das Besondere an der Ware AK: Sie kann mehr Wert schaffen, als sie selbst wert ist: Wenn für meine Reproduktion ein Wert entsprechend drei Stunden Arbeit von Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen, Bäuer_innen, Friseur_innen, etc. nötig sind (Wert meiner Arbeitskraft, wird mit dem Lohn bezahlt), ich aber acht Stunden arbeiten gehe (die in den Wert meines Arbeitsproduktes eingehen), dann habe ich fünf Stunden umsonst gearbeitet. Was ich in diesen Stunden produziert habe, ist das Mehrprodukt, das (wenn es sich verkauft) den Mehrwert schafft.
Folgen des warenproduzierenden Systems
Wie werden – nach Ansicht der WK - alle Dinge zu Waren?
Zunächst sind die Menschen in warenproduzierenden System nur indirekt (über den Markt) vergesellschaftet, statt durch die bewusste Verständigung über den Einsatz ihrer gemeinsamen Ressourcen in Verbindung zu stehen. Zudem tendiert die Warengesellschaft dahin, alle Lebensbereiche der Warenlogik zu unterwerfen, alle Dinge In-Wert zu setzen und jede Tätigkeit zur Arbeit zu machen.
Die sich ausdehnende Spirale: „Arbeit verkaufen - Ware schaffen - auf dem Markt veräußern - Wert realisieren“ läuft hinter dem Rücken der Menschen ab. Sie erscheint als gesellschaftliche Natur.
Ohne eine analytische Betrachtung erscheint es, als hätten die Dinge tatsächlich einen Wert. Sie haben ihn jedoch nur, weil sie in einer Gesellschaft hergestellt werden, die jedes Ding in Wert setzt und darüber den materiellen Austausch der Menschen regelt: Denn nicht die Menschen bestimmen, was und wie produziert wird sondern der Wert, da das Ziel des Kapitalismus die maximale Mehrwertsteigerung ist. Zwar stehen die Menschen als Produzenten, Konsumenten, Arbeiter_innen in einem gesellschaftlichen Verhältnis. Da dieses aber über den Wert vermittelt wird, erscheint es, als stünden nicht die Menschen in diesem Verhältnis, sondern die Dinge. Ihre gesellschaftlichen Beziehungen treten daher als Natureigenschaft der Dinge, in ihrem Wert, in Erscheinung.
Die Waren und ihr Wert bestimmen weitgehend, wie sich die Menschen zueinander verhalten: Als „Charaktermasken“ Käufer- und Verkäufer, Chef und Arbeiter, etc.. Die Übereinkunft, dass es einen (natürlichen) Wert in der Ware gibt, bekommt auf diese Weise Macht über unser Leben und die Produkte unserer eigenen Tätigkeit treten uns in ihrer Form als Waren als Äußerliches gegenüber.
Analog zu dieser Verkehrung, die Wker_innen „Warenfetisch“ nennen, kritisieren sie auch den „Arbeitsfetisch“ oder „Arbeitsgötzen“. Der Warenfetisch lässt es so aussehen, als sei die Ware die natürliche Form des Dings. Der Arbeitsgötze lässt es so aussehen, als sei die Arbeit die natürliche Form der Tätigkeit. Warenfetisch und Arbeitsfetisch sind sowohl soziale Praxis wie auch Denkform. In der Warengesellschaft stimmen Denk- und Praxisformen: Dinge haben einen Wert und Lohnarbeit ist normal und lebensnotwenig. Dies ist aber nicht der Natur nach so, sondern ein Produkt (gesellschaftlicher) menschlicher Praxis. Weil die Ware als das alleinige Mittel scheint, Bedürfnisse zu befriedigen (weil alles sich nur über den Markt vermittelt), scheint die Arbeit die alleinige Tätigkeit, um Dinge herzustellen. Die Totalität der Warenproduktion nimmt zu. Mehr und mehr Dinge, die bisher nicht warenförmig erledigt wurden (sondern bspw. in der Familie als Reproduktion oder einfach so), werden dabei zu Waren.
Den gesamten Vorgang kann man Realabstraktion nennen: eine Abstraktion, die wirkmächtig die sozialen Verhältnisse strukturiert, weil sich alle danach richten. Wie selbstverständliche Aussprüche sagen: „Zeit ist Geld“ (Wert ist geronnene Arbeitskraft), „Geld regiert die Welt“ (Wert als Totalität), „Was willst Du denn später werden?“ (Arbeit ist identisch mit Sein). Die damit real gewordene Abstraktion wird am Ende als Naturtatsache dargestellt (Tausch in der bürgl. Ökonomie), psychologisch als „als Anlage“ in die Menschen hinein projiziert (Rational-Choice-Theorie) oder normativ gesetzt (Neoliberalismus). Entsprechend formuliert die WK: Der Kapitalismus ist die indirekte Herrschaft eines abstrakten Verhältnisses über die Menschen (ein „automatisches Subjekt“ 1), also Ensemble von Sachzwängen), obwohl die Menschen dieses Verhältnis täglich aufs Neue aktiv reproduzieren. Fetischkritik analysiert, wie diese „Realabstraktion“ zustande kommt und sich immer wieder erneuert.
Sozialer Wandel
Das Hauptproblem für die Wker_innen ist entsprechend ihrer Fetischkritik nicht der Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital (also die Frage, ob der Mehrwert dem Arbeiter ausgezahlt wird oder zu Kapital wird), sondern die Fetischproduktion. Ziel ist entsprechend nicht, die Arbeit vom Kapital zu befreien, sondern die Menschen von der Arbeit zu befreien und eine Welt zu schaffen, in der Bedürfnisbefriedigung von Menschen im Mittelpunkt steht und nicht Wert.
Wertkritische „politische Praxis“ besteht deshalb vor allem in einer theoretischen Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft.
Wker_innen gehen davon aus, dass die kapitalistische Ökonomie grundlegend krisenhaft ist. Da vor dem Hintergrund einer steigenden Produktivität der Absatz von Waren schwieriger wird und eine Eroberung neuer Märkte (bspw. Kolonialismus, DDR), die Entwicklung neuer Standards (bspw. Handy) und die Vernichtung von Produktionsmitteln (Krieg, Konkurse) dies nur bremsen kann, ist eine Vorbereitung auf eine fundamentale Krise von Wirtschaftssystem und Staat nicht verkehrt. Hierfür bedarf es der Bildung von Netzwerken, vor allem aber ausgeübter Ideologiekritik. Denn eine solche Krise ist keine Heilsvorstellung und aus der Krise „folgt nicht zwangsläufig die Befreiung vom Fetischismus; diese ist handelnden Menschen aufgegeben.“2)
Wer macht Wertkritik?
Die bekanntesten VertreterInnen der Wertkritik in der BRD sind die Gruppen Krisis und Exit und die Streifzüge aus Österreich. Aber auch Moishe Postone, John Holloway, Holger Schatz und einige Antideutsche argumentieren auf wertkritischer Basis. Neuere Marx-Rekonstruktionen, wie die von Michael Heinrich (2004) akzentuieren gegenüber einem „traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus“ die Analyse und Kritik von Ware und Wert.
Literatur
- Höner, Christian (2004): Was ist der Wert? über das Wesen des Kapitalismus - eine Einführung. In: Streifzüge 30/2004, http://streifzuege.org/texte_str/str_04-30_hoener_einfuehrung.html
- Kurz, Robert (1999): Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. München.
- Postone, Moishe (2003): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, Freiburg.
